Ton Steine Scherben
1970 gründet Rio Reiser gemeinsam mit R.P.S. Lanrue (Gitarre), Kai Sichtermann (Bass), Wolfgang Seidel (Schlagzeug) die Band Ton Steine Scherben, deren erster Auftritt noch im gleichen Jahr beim Love-and-Peace-Festival auf der Insel Fehrmann vor Jimi Hendrix, aber durch die Suche nach dem mit der Gage geflüchteten Konzertveranstalter im Tumult unter-, aber in das Gedächtnis der Massen eingeht.
Mit der David Volksmund Produktion schaffen sie sich selbst das erste Indielabel in Deutschland und werden zu Pionieren einer autarken Musikszene, die bis in die Gegenwart starke Einflüsse ausübt. Ihre Alben „Warum geht es mir so dreckig?“ (1971), „Keine Macht für Niemand“ (1972), „Wenn die Nacht am tiefsten“ (1974), „IV“ (1981) und „Scherben“ (1983) werden zu Meilensteinen deutschsprachiger Rockmusik, deren Wirkung bis heute anhält, nachwachsende Generationen auf ihren selbständigen Weg ins Leben immer aufs Neue begeistert und den Älteren unter uns noch nach 30 Jahren die Ohren klingen, die eigentlich längst müden Herzen aufgehen und die Augen nass werden lässt.
Nach vielen umjubelten, aber finanziell desaströsen Tourneen und diversen Hausbesetzungen flüchtet (fast) die Band 1976 aufs Land und kauft sich einen alten Bauerhof nahe der dänischen Grenze, 30 km von Flensburg entfernt. Dort richtete sich TSS ein Tonstudio und auf ländliche Kommuneformen ein. Doch endete das wohl in Deutschland einmalige Musikkapitel 1985 als grandioses Scheitern nicht nur mit enormen Schuldenlasten, sondern auch mit ungelösten Problemen innerhalb der Band, die bis ins Heute wirken und seit einigen Jahren zur Blockierung des eigentlich unverzichtbaren Scherben-Kataloges führte.
Die Auflösung der Scherben ging einher mit dem Beginn von Rio Reisers Solokarriere. Nach Rios frühen Tod (1996) gab es einige Archiv-Veröffentlichungen wie Live III und eine vorzugliche, heute hochgehandelte Scherben-Box, eine Vielzahl von Tribut-Alben sowie mit „Neues Glas aus alten Scherben“ u.a. (mit Kai Sichtermann, Funky Götzner und Dirk Schlömer) und mit
der Ton Steine Scherben Family mehr an die große Zeit erinnernde als denn wirklich erlebbar machende Live-Projekte.
Was wirklich bleibt, ist der immer wieder aufs Neue beginnende Ansturm junger Leute auf die Scherben-Songs, deren Urgewalt und Lebenslust, Poesie und Radikalität scheinbar durch alle Zeiten als Mutmacher und Emanzipationsmuster dient.

ausführliche Diskografie